„Es ist mir sehr angst, 

aber lass uns in die Hand des HERRN fallen,

denn seine Barmherzigkeit ist groß,

ich will nicht in der Menschen Hand fallen.“

König David zum Seher Gad in 2. Samuel 24,14

 

„Es ist mir sehr angst, …“ antwortet der König David dem Seher [Propheten] Gad.

Das Coronavirus macht uns allen angst und wir bleiben zu Hause, auch am Angst 1Sonntagvormittag zur sonst gewohnten Gottesdienstzeit. Die schlechten Nachrichten überschlagen sich in den letzten Tagen. Keiner weiß, wie es weitergehen wird.

Krieg gegen unsichtbaren Feind", lautet treffend der Titel eines Interviews des Kölner Stadtanzeigers von heute mit einer Ärztin aus Parma, Italien. Sie schildert ihren dramatischen Kampf gegen die Krankheit im Krankenhaus, berichtet von den drastischen Beschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens und deutet die aktuelle Lage in ihrem Land als Krieg gegen einen unsichtbaren Feind. All dies sagt sie aus Sorge, dass wir in Deutschland auf die Herausforderung durch das sich verbreitende Virus zu spät reagieren könnten.

„Bangemachen gilt nicht“, mag in normalen Zeiten, wenn wir privat vor größeren Herausforderungen stehen, die es jetzt anzupacken gilt, eine gute Parole sein. Aber es gibt auch Zeiten, in denen alleine die „rechte Angst“  uns helfen kann, mit Besonnenheit und Klugheit erkannte Gefahren gemeinsam zu begegnen. „Denn wir wissen erst, was auf dem Spiel steht, wenn wir wissen, dass es auf dem Spiele steht.“ (1)

In Krisenzeiten halten wir zusammen und deshalb halten wir zurzeit räumlichen Abstand von einander und feiern heute unseren Sonntagsgottesdienst, ein jeder in seinem Haus.

Seit immer deutlicher wird, dass Europa jetzt zum Zentrum der Pandemie geworden ist, kommt mir diese Antwort des König Davids auf die Rede des Sehers Gad, seinem „Hauspropheten“, nicht aus dem Sinn.

Ich schlage vor, dass jetzt jeder seine Bibel holt und in 2. Samuel 24, 1-25 die letzte Geschichte von David liest. Dies ist wieder eine Propheten- und Königsgeschichte wie auch die erste Geschichte von Davids Salbung durch den Seher / Propheten Samuel (1. Samuel 16 mit dem Kernsatz: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist, der HERR aber sieht das Herz an.“).

Eigentümlich fremd erscheint uns heutigen modernen Lesern diese Geschichte, in der Prophet und König so unmittelbar über aktuelle Fragen mit Gott im Gespräch sind. Aber bedenken wir, so hat Israel, das Volk Gottes, immer von sich und von Gott gedacht und gelebt. Und es hat sich gefallen lassen, dass diese Propheten, diese Gottesmänner, König und Volk im Namen Gottes im wahrsten Sinne des Wortes ins Gewissen redeten. Die Bibel mutet deshalb auch uns heute zu, die wir unsere Welt so wissenschaftlich zu erklären und zu gebrauchen verstehen, trotzdem noch auf die Stimme Gottes zu hören.

David, der Herrscher in Jerusalem, wollte, wie viele Herrscher bis heute, sich seiner militärischen Macht vergewissern. Er ließ alle seine wehrfähigen Männer zählen. Auf diese Macht wollte er bauen. Aber danach schlug sein Gewissen. Es wurde ihm bewusst, statt auf Gott zu vertrauen, hatte er auf seine Macht gesetzt.

Bevor Gott auf seine Bitte um Vergebung antwortete, sandte Gott den Seher Gad zu König David, um ihm für sein Vergehen drei Strafen zur eigenen Auswahl vorzulegen:

Willst du, 

dass sieben Jahre lang Hungersnot in dein Land kommt 

oder dass du drei Monate vor deinen Widersachern fliehen musst und sie dich verfolgen oder dass drei Tage Pest in deinem Lande ist? 

 

Hunger, Schwert und Pest, diese drei Katastrophen, die immer wieder über die Menschen hereinbrachen, wurden von den Propheten als Strafen Gottes gedeutet. Aber das Besondere ist, dass David aus diesen drei Menschheitskatastrophen eine für sich und das Volk frei (!) auswählen sollte! Natürlich gibt es keine „freie“ Wahl für Katastrophen! 

Diese prophetische Erzählung will die Spannung erhöhen, unsere Aufmerksamkeit auf die Antwort des Königs lenken: 

Wie wird David reagieren? Was wird er auswählen? Oder kennt er einen Ausweg?

Es wäre ein grobes Missverständnis, würden wir hier meinen, David wähle die Pest!

Nein. David wählt weder Hunger, noch Schwert, noch Pest. David ist kein Fatalist.

In Davids Antwort ist zuerst der Aufschrei der Angst zu würdigen: Es ist mir sehr angst, …“.

Sein Aufschrei der Angst ist aber nicht der Anfang der Panik und der Hamsterkäufe!

Als vor gut zwei Wochen der Coronavirus in Deutschland als ernst eingestuft und verbunden wurde mit dem Aufruf „kein Grund zur Panik“, da dachten viele sofort: Bevor die Panik ausbricht, kaufen wir schnell alles ein, und man merkte gar nicht, dass man schon von der Panik ergriffen war.

Davids Aufschrei der Angst ist die „Klugheit der Furcht“, die uns lehrt, was wirklich im Leben zu schätzen ist! Diese „Klugheit der Furcht“ ist aber nur der erste Schritt auf dem Weg zum Guten, gewiss erst der erste, aber der sehr nützliche.(2)

Wir haben in den letzten Tagen miterlebt, wie intensiv die Politik sich beraten ließ von den Fachleuten der Wissenschaft, den Virologen, die in aller Nüchternheit die Schritte empfohlen haben, die uns auch heute am Sonntag dazu führten, dass jeder seinen Gottesdienst zu Hause feiert. Sie vermittelten uns diese „Klugheit der Furcht“, die das Schlimmste annahm, um zu erkennen, was das Beste ist, das es jetzt vor allem anderen zu schützen gilt: das Leben von möglichst vielen. So werden die getroffenen Maßnahmen für alle verständlich.

Diese „Klugheit der Furcht“ erkenne ich auch hier in Davids Aufschrei. Er wehrt sich dagegen, unter diesen „Angeboten der Plagen Gottes“ auswählen zu dürfen. Man darf also Angebote Gottes ausschlagen. Man sollte aber dafür gute Gründe haben!

David wählt nicht, er bittet Gott. Und auf diese Bitte an Gott zielt die Erzählung als Schlusspunkt der Davidgeschichte. Die Bitte an Gott ist zu allererst das Lob der Barmherzigkeit Gottes! Wenn er schon fallen muss, dann allein in die Hände seines Gottes:

aber lass uns in die Hand des HERRN fallen,

denn seine Barmherzigkeit ist groß,

ich will nicht in der Menschen Hand fallen.“

 

Angst, wirklich das Ich des Menschen vernichtende Angst, hat er, wenn er in die Hände der Menschen fällt. Als König und Kriegsherr wusste David sehr genau, was es heißt, in die Hände der Menschen zu fallen: Tod oder Flucht, d.h. Flüchtling werden, die keiner aufnehmen will!

Wir können uns heute diesem Lob Gottes und Bittgebet Davids nur anschließen und Gott für seine Barmherzigkeit loben und ihn um diese Barmherzigkeit für uns alle bitten.

Die Natur läuft währenddessen weiter in ihrer gesetzmäßigen Bahn. Sie macht vor niemandem Halt, der ihr in den Weg läuft. Die Natur kennt keine Barmherzigkeit, die Natur reagiert nur nach ihrem Programm. Die Virologen erforschen diese Gesetzmäßigkeit und geben uns Ratschläge, wie wir uns verhalten können.

Diese prophetische Erzählung weiß von Gott noch erstaunlicheres zu berichten: Als die Pest in der Gestalt eines Engels sich zum Schluss sogar der Stadt nähern will, in der zukünftig das Haus Gottes, der Tempel, stehen soll, da „reute den HERRN das Übel“, und er rief dem Engel (der Pest) sein „Es ist genug“ entgegen. Die Propheten Israels verstanden etwas von der großen Barmherzigkeit Gottes, die soweit reicht, dass er in Reue umkehrt zu den Menschen. Deshalb waren auch die Propheten so leidenschaftliche Rufer zur Umkehr zu Gott, weil ER sich den Menschen zuwendet.

Zum Schluss noch ein Gedanke zur Passion Jesu: 

 „Auf dem Weg nach Jerusalem fing Jesus an, seinen Jüngern zu zeigen, dass er [der Menschensohn] viel leiden müsse von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten, überantwortet werden den Hohenpriestern und Schriftgelehrten die ihn zum Tode verurteilen werden, die ihn den Heiden überantworten werden, überantwortet werden in die Hände der Menschen, damit sie ihn verspotten und geißeln und kreuzigen, ihn töten, und am dritten Tage wird er auferstehen.“

Jesus lässt sich überantworten an andere, er fällt in die Hände der Menschen. David hat darum gebeten, nicht in die Hände der Menschen zu fallen. Jesus aber geht diesen Weg und er geht diesen Weg für uns, zu unserm Heil. Die frühe Christenheit hat das Leiden und Sterben Jesu verstanden mit dem Prophetenwort aus Jesaja 53:

4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. 7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.

Jetzt ist Zeit für das Gebet, für das Lob der Barmherzigkeit unseres Gottes und für die Fürbitte füreinander.

Und empfangt auch den gottesdienstlichen Segen:

Der Herr segnet dich und behütet dich;

der Herr lässt sein Angesicht leuchten über dir und ist dir gnädig;

der Herr hebt sein Angesicht über dich und gibt dir Frieden.

Amen

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1 Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung, S.63.

2 Der jüdische Philosoph Hans Jonas beschrieb diese Klugheit in seinem Werk  „Das Prinzip der Verantwortung“ so: Jede Moral soll die Furcht vor unseren Wünschen konsultieren.

                                                                                 Edgar Lüllau 14.3.2020

 
 
 

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